Letzte Worte (zurück)

Meine Güte, was wart ihr klein damals! Die alten Fotos, die ich auskrame und bestaune belegen es: Das seid eindeutig ihr! Nein wie süß! Der lacht ja so niedlich. Ist das wirklich ….? Das kann ja kaum möglich sein! Heute muss ich mir schon was einfallen lassen, damit der Junge das Gesicht zu etwas verzieht, was man mit einigem guten Willen ein Grinsen nennen könnte. Grinsen ist uncool, lerne ich, Cool-sein aber nicht alles! 
Wart ihr wirklich mal so kindlich? Märchen und Kinderspiele? Nein danke! - Das machtet ihr uns bereits in der "5" klar. Disco bitteschön, hieß es nicht nur bei den Klassenfahrten. Auch Weihnachten, so lernte ich bald, ist nur etwas für kleine Kinder. 
Euer Interesse für die Erwachsenenwelt zu wecken, war dagegen oftmals leicht: "Natürlich weiß ich, was ein Kondom ist. - Da kann man Wasser reinfüllen und Scheiß machen!" Dass der "Wahnsinn Pubertät" - so die Fachliteratur - bei einigen schon sehr früh eingesetzt hatte, merkten wir nicht erst daran. Da tröstete uns wenig, dass uns neueste Hirnforschungen erklären konnten, "weshalb in vielen Familien der Ausnahmezustand herrscht, wenn Kinder in die Pubertät kommen" und Teenies "komisch ticken". "Nicht nur in den Familien!", stöhnten wir genervt, wenn auch bei uns wieder einmal der Ausnahmezustand herrschte. Unterrichtsinhalte spielten in solchen Phasen mitunter nur eine untergeordnete Rolle. Denn wer mit wem warum oder warum nicht oder auch warum nicht mehr "ging", interessierte euch schon früh und weitaus mehr als lange Wanderungen über steile Berge beispielsweise. Da hatte der eine oder andere schon dann und wann so fern der Heimat noch unsägliches Heimweh nach Mama und Papa. 
Kindlich aber war eure treue und durch keine Pausenregelung zu erschütternde Freundschaft zu den "Tamagotchis". Manchmal war ich mir durchaus nicht sicher, ob ihr verstanden hattet, dass dies nur ein virtuelles Wesen war, das ihr da immer unbedingt noch "füttern" musstet, damit es nicht "starb". Damit unsere Geduld nicht ein ähnliches Schicksal ereilte, wenn es rings um uns piepste und fiepte, setzten wir verstärkt auf eure Vergesslichkeit und mitunter auch Unzuverlässigkeit, die leider aber in punkto Versorgung der nervenden "Haustiere" nur in seltenen Fällen nicht zum Tragen kam.
Für Märchen wart ihr dafür wiederum in den folgenden Jahren umso stärker zu erwärmen. Da dachtet ihr sie euch gerne selber aus, zum Beispiel, wenn man euch bei etwas erwischte, was nach der Schulordnung nicht gestattet war. Die mittäglichen Besuche bei "Famka" endeten nur, weil der Laden in "Intermarché" umbenannt wurde. 
Dass ihr älter und klüger wurdet, merkten wir vor allem daran, dass wir euch auch nicht mehr beim Rauchen erwischten. Nicht etwa, dass ihr klug genug geworden wäret, um dieses Laster aufzugeben - eher im Gegenteil. Ihr hattet euch nur inzwischen ein stilleres Plätzchen gesucht.
Dass diese wunderbare Zeit - eure Schulzeit - einmal schnell vorbei sein würde, das haben wir euch nicht nur einmal prophezeit, sondern eigentlich zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres. Ihr lauschtet ergeben und gabt euch Mühe einen Gesichtsausdruck anzunehmen, auf dem wir nicht ablesen können sollten, dass ihr dachtet: "Nicht schon wieder….., !", wenn wir euch ermahnten, strebsam zu sein im Hinblick auf die zu erwartenden neuen Differenzierungskurse, und euch anzustrengen, als es schließlich und endlich um Versetzungen und Abschlüsse ging. 
Vielleicht werdet ihr uns noch einmal zugestehen, dass wir nicht nur in diesem Punkt Recht hatten, denn nun ist es wirklich so weit und es heißt "Abschied nehmen" voneinander. 
Ob in der Ausbildung oder in der Oberstufe - so mancher mag es nicht recht glauben und weiß vielleicht noch nicht so ganz, was er von seiner neu gewonnenen "Freiheit" halten soll. Endlich zum Intermarché gehen zu können, wann immer es einem beliebt, ist es das? - Ihr hattet doch schon längst "unsere" Zeiten und Wege herausgefunden! Was war es also, das euch zum Verlassen des Schulgeländes trieb? Das Schöne am Verbotenen ist natürlich die Heimlichkeit und der Kick erwischt zu werden. Das ist jetzt leider vorbei, wie auch so manches andere Schimpfen und Zetern, das euch auf die Nerven gegangen ist, wenn wir "nur euer Bestes" wollten. Nun seid ihr wieder ein Stückchen mehr selber für euch verantwortlich und müsst das, was ihr tut, aber auch das, was ihr unterlasst, vor euch selbst verantworten. Das können einige schon sehr gut und haben es in unterschiedlicher Weise unter Beweis gestellt. Es hat Freude gemacht euch dabei zuzusehen, wie ihr langsam immer erwachsener wurdet.
Dass ihr auf diesem Weg immer sicherer werdet, dafür wünsche ich euch viel Erfolg und alles Gute für eure Zukunft.

Brigitte Männel