Letzte Worte (zurück)

Geschafft !

Die letzten zwei Wochen habe ich fast jede freie (und auch nicht so freie) Minute damit zugebracht, über die vergangenen sechs Jahre nachzudenken und diese CD als Erinnerung für uns zusammenzustellen. Frau Männel hat mit großem Einsatz immer mehr Bilder eingescannt, sodass ein großer Teil unseres gemeinsamen Weges rekonstruiert und dokumentiert werden konnte. Ihr selbst habt im GL- und im Mathematikunterricht eigene Gedanken beigesteuert und in der mit Spannung erwarteten Abschlusszeitung schon vor Wochen Texte zur Erinnerung verfasst. Das Kramen in alten Ordnern und Schreibtischschubladen hat einige Fundstücke aus den vergangenen Jahren zu Tage gefördert, die ihr bestimmt schon vergessen habt (oder lieber vergessen möchtet). Herr Weitz und Frau Männel haben eigene Worte des Abschieds formuliert und auch ich möchte mich auf diesem Wege von euch verabschieden.

Als im Sommer 1997 eure Schulzeit an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule begann, und ihr gespannt und bestimmt auch mit diffusen Ängsten im Forum der für euch (noch) fremden Schule auf eure neuen Lehrer wartetet, da war die Situation für mich fast identisch: Auch für mich war die Schule neu! Ich war gerade erst aus Braunschweig nach Grevenbroich gezogen und hatte meine erste Stelle im Schuldienst angetreten. Ihr wart die erste Klasse, die ich als Klassen- bzw. Teamlehrer unterrichten und betreuen durfte, und diese Aufgabe versetzte mich im Sommer 1997 in gespannte Begeisterung, löste aber auch Ängste aus, ob ich dieser Aufgabe gewachsen sein würde. Jetzt - sechs Jahre später - werden viele von euch die Schule verlassen und einen neuen Lebensabschnitt an einer anderen Schule oder in der Berufswelt beginnen und für mich beginnt die (Schul-) Zeitrechnung erneut: Neue Schülerinnen und Schüler warten gespannt auf ihren Klassenlehrer, der sie die lange Zeit des Erwachsenwerdens begleiten wird. Bis jetzt wart ihr immer die "Kleinen", von denen ich den Oberstufenschülern oft kleine Anekdoten erzählen konnte. Es freut mich sehr, dass ich so viele von euch jetzt als "Große" in der Oberstufe wiedertreffen werde. Vielleicht werden einige von euch neun (!) Jahre Mathematik- oder Geschichtsunterricht mit mir verbracht haben. Ich habe euch als zehnjährige Kinder kennen gelernt, verabschiede einen Teil von euch jetzt als sechszehnjährige Jugendliche und werde einige als junge Erwachsene mit dem Abitur ins Leben entlassen. Diese lange und spannende Entwicklung begleiten und mitgestalten zu dürfen macht zum großen Teil die Freude und Befriedigung meines Berufes aus. 

Abschied nehmen von vertrauten Menschen und der Sprung in einen neuen Lebensabschnitt ist immer auch mit einer gewissen Traurigkeit verbunden. Trotz der unausweichlichen Spannungen, die es auch in unserer Klasse (unserem Team) gegeben hat und die sicherlich auch die Beziehung zwischen mir und einzelnen von euch nicht immer leicht gemacht haben, habe ich den gegenseitigen Umgang meistens als fair, respektvoll und freundlich erlebt. Natürlich mussten wir uns in den vergangenen sechs Jahren auch öfters streiten. Bei aller durch die Teamstruktur unserer Schule vermittelten Nähe bleiben die Aufgaben doch eindeutig verteilt: Die Aufgabe des Lehrers ist es, euch neben Erziehung auch Wissen zu vermitteln. Die Aufgabe des Schülers ist es, für das Leben zu lernen und dabei die angebotenen Hilfestellungen der Lehrer anzunehmen. Dass Erziehung und Wissen euch nicht immer interessiert haben und dass das eigentlich von euch erwartete Annehmen oft durch ein "Überreden" von uns ersetzt werden musste, ist zwar schade, allerdings nicht wirklich verwunderlich. Auch wir Lehrer waren irgendwann mal Schüler! Ich wünsche mir sehr - und habe es persönlich auch so erlebt -, dass dieses unvermeidliche Ringen und Streiten miteinander nicht die persönlichen Beziehung vergiftet hat. Ein Blick auf die vielen Fotos der CD belegen zum Glück eindeutig, dass wir alle auch sehr viel Spaß miteinander hatten. Ich hoffe, dass in eurer Erinnerung weniger die unerfreulichen Auseinandersetzungen als der gemeinsame Spaß überwiegen und ihr gerne an unsere gemeinsame Schulzeit zurückdenkt. Ich jedenfalls werde euch vermissen.

Ich denke, dass wir die vergangenen Jahre erfolgreich miteinander verbracht haben. Fast alle von euch haben ihre gesteckten Ziele erreicht und ich bin zuversichtlich, dass ihr erfolgreich euer Leben meistern werdet. Die kleinen nervösen Kinder des Jahres 1997 sind zu interessanten Persönlichkeiten herangereift, die viele (teils überraschende) Begabungen vorweisen und diese hoffentlich positiv in unsere Gesellschaft einbringen werden. 
Wir haben immer versucht, eure Selbständigkeit und euer kritisches Denken zu fördern und euch Respekt vor den unterschiedlichen Fähigkeiten und Eigenschaften der Mitmenschen vorzuleben. Dieser Respekt bedeutet auch, dass wir ehrlich akzeptieren, dass sich einige von euch nicht auf den von uns ausgebreiteten Weg begeben haben. Vielleicht haben wir einigen von euch nicht genug Hilfestellung gegeben, vielleicht habt ihr euch aber auch einfach nur anders entschieden. 
Die Entscheidung für den richtigen Weg wird immer eure Entscheidung bleiben, und das ist auch gut so. Der jetzt erreichte Schulabschluss ist sicherlich wichtig für eure weitere Zukunft, er stellt aber keine unabänderliche Weichenstellung für das weitere berufliche Leben dar. Ihr könnt euch nicht auf dem Erreichten ausruhen, müsst das Erreichte aber auch nicht als unabänderbar hinnehmen. Wichtig ist es dabei aber vor allem, dass ihr nicht glaubt, der Schulabschluss oder der gewählte Beruf entscheide über euer Lebensglück. Glücklich werdet ihr sein, wenn ihr mit eurem Leben, mit eurem gewählten Weg zufrieden seid und der gewählte Weg euer Weg ist.

Sechs gemeinsame Jahre gehen zu Ende. Ich habe in dieser Zeit mehr als einmal versucht vom unvernünftigen Laster des Rauchens wegzukommen - auch um euch Vorbild zu sein. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es sei mir vollständig gelungen. Auch mein Auto ist immer noch meistens unaufgeräumt. So oft habt ihr darüber Witze gemacht, ich bin gespannt, wie es in euren aussehen wird. Lange Zeit war auch die Frage nach Frau Rechner immer wieder interessant. Besonders die Mädchen haben sich immer gesorgt, wer mir denn das Essen kocht, die Wohnung aufräumt und meine Hemden bügelt. Na ja, kochen tue ich eigentlich immer noch allein, ansonsten gibt es keinen Grund zur Sorge (Zitat: "Die mit dem komischen Rucksack? Das habe ich doch schon immer gewusst!"). Die rasch voranschreitenden Veränderungen auf meinem Kopf, meine Leidenschaft für Süßigkeiten (lecker!), sowie die nicht zu verheimlichende Farbsehschwäche haben einigen von euch immer wieder große Freude bereitet. Hätte ich alle diesbezüglichen Witzchen aufgeschrieben, diese CD wäre viel umfangreicher geworden. Andere optische Veränderungen sind weniger aufgefallen: Noch in der sechsten Klasse habe ich mir nur wegen euch eine weiße Hose gekauft und inzwischen trage ich durchaus farbige Kleidung. Die Legende von der konsequent schwarzen Kleidung hält sich aber bis heute. In einer Abiturzeitung bin ich einmal als der Lehrer mit der unleserlichsten Handschrift ausgezeichnet worden. Ganz so schlimm ist es hoffentlich nicht, ich weiß aber schon, dass es für einige bestimmt ein Widerspruch war, von mir immer wieder zur sauberen Heftführung ermahnt zu werden, selber aber vom Lehrer so ein schlechtes Vorbild präsentiert zu bekommen. Vielleicht kann ich ja eines Tages mit dem Computer an der Tafel schreiben. Ach so: manche meinen ja immer, ich würde oft so komisch grinsen und seltsame Grimassen schneiden. Es tut mir leid, so sehe ich nun mal aus!

Ich wünsche euch für euer weiteres Leben viel Spaß, Erfolg und Liebe. Mögen eure Wünsche und Träume möglichst zahlreich in Erfüllung gehen.

Balthasar Rechner